Order/NoiseManuskript auf dem Weg zu RoutledgeVorträge, Texte und Reisen in 2011, erste SchätzungWährend Birgit Peuker, Michael Schillmeier und ich in die letzte Runde gehen, um unseren Band "Agency without Actors? New Approaches to Collective Action" zu Routledge zu bekommen, versuche ich, ein Projekt zur Koordinationspraxis in komplexen Infrastrukturprojekten in Bezug auf Feldzugang und Mittelbeantragung vorzubereiten. Dennoch laufen auch andere Projekte weiter und aus ihnen gingen und gehen aktuell einige Texte und Vorträge hervor: Gerade abgegeben habe ich den Text "Fragmentierung, Multiplizität und Symmetrie. Praxistheorien in post-pluraler Attitüde", er wird in Tobias Conradi, Heike Derwanz & Florian Muhle (Hg.) "Strukturentstehung durch Verflechtung. Akteur-Netzwerk-Theorie(n) und Automatismen" bei Fink erscheinen. Josef Wehners und mein Band "Quoten, Kurven und Profile - Zur Vermessung der Gesellschaft" geht im Juni in die letzte Runde vor Manuskriptabgabe. Fast alle Texte liegen jetzt in finaler Form vor, so dass nur noch die Einleitung wartet. Schließlich haben Nicholas J. Rowland,, Alexander B. Kinney und ich für Spontanous Generations ein Review zu Bruno Latours "Reassembling the social: An introduction to Actor-Network-Theory" mit dem Titel "Latour’s greatest hits, reassembled" verfasst, es ist jetzt im Druck. Vorträge gab es zwei im April, sogar zum gleichen Thema. Im Rahmen der ZiF Tagung "'Desperately Seeking the Audience' Geschichte und Soziologie des unbekannten Publikums" am 7. - 9. April 2011 habe ich unter dem Titel: "Der berechnete Hörer. Zur Neuverrechnung von Leistungs- und Publikumsbeziehungen" aus unserem DFG Projekt "Numerische Inklusion" im SPP Mediatisierte Welten berichtet, ebenso wie auf der internationalen Tagung des SPP "Mediatized Worlds. Culture and Society in a Media Age" in Bremen am 14. - 15. April 2011 unter dem Titel "The Quantified Listener. Reshaping Providers and Audiences with Calculated Music Recommendation.". Im August 2011 geht es nach Las Vegas zur ASA, im November 2011 nach Cleveland zur 4S. In beiden Fällen geht es um (technische) Infrastruktur von Staatlichkeit, auf der 4S veranstalten Nicholas und ich dazu eine Doppel-Session "Seeing States and State Theory in STS". Im September ist zudem Dreiländerkongress in Innsbruck, dort richtet der AB Medien den Stream Medien und das Panel "Öffentlichkeit als statistisches Ereignis" aus. Zuletzt fahre ich in dieser Woche nach Berlin zum Workshop "Innovation in Governance", dort kommentiere ich aber nur - das kann spannend werden! Oha, doch eine ganze Menge. Kein Wunder also, dass ich kaum dazu komme, hier zu schreiben. Ich verweise aber dennoch noch mal auf das englischsprachige Blog Installing (Social) Order, dort schreibe ich öfter. Installing (Social) OrderInformatiker sind die Sozialtechnologen der Gegenwart. Interaktionale Settings, Inner- und Interorganisationale Strukturen, Netzwerke, sowie die Binnenstrukturen makrosozialer Phänomene wie Wissenschaft, Politik und Kunst und Medien sind längst durchzogen von heterogenen, sich überlagernden und zuweilen auch gegenläufigen Tendenzen, mittels informationstechnischer Infrastrukturen ge- und verformt zu werden. Diese Tendenzen unter kontemporären Bedingungen, soziale Ordnung nicht zu institutionalisieren, sondern zu installieren, stehen im Zentrum der Arbeitsgruppe "Installing (Social) Order". Unter http://www.installingorder.org haben Hendrik Vollmer, Antonia Langhof, Nicholas J. Rowland und ich begonnen, diese mit Leben zu füllen. Wir werden dort über alte und neue Papiere und Ideen diskutieren, die uns zufällig oder gezielt auf den Schreibtisch kommen, über interessante Events, Personen und Institutionen. Die Gruppe ist offen für Beteiligung - als Kommentator, als Co-Autor, als Gast-Blogger - und natürlich als Leser. Actor State, Network StateLange hat es gedauert (Geduld ist im Publikationsfragen wirklich ein wichtiger Faktor), aber in der Novemberausgabe von International Sociology ist tatsächlich Nicholas J. Rowlands und mein Aufsatz "Actor Network State. Integrating Actor-Network Theory and State Theory" erschienen. Das für mich immer noch Unglaubliche an diesem Text ist, dass er über einen Ozean hinweg entstehen konnte - was könnte da alles entstehen, wenn man sich nicht immer nur in GDocs, Skype oder Jabber bewegen würde. Hier das Abstract:
Und hier der Verweis: Passoth, Jan-H.; Rowland, Nicholas J. (2010) Actor-Network State. Integrating Actor-Network-Theory and State Theory. International Sociology. 25 (6), S. 818-841. Zum Templiner ManifestVor zwei Tagen hat die GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) ihr "Templiner Manifest" herausgegeben, worauf mich Tills Text von gestern hinwies. So gut ich es natürlich finde, dass ein öffentlicher Diskurs über die Situation des nicht-berufenen wissenschaftlichen Personals unsere Hochschulen stattfindet: Ich teile trotzdem Tills Skepsis. Insbesondere finde ich inhaltlich verwunderlich, warum als Lösung für die prekären Verhältnisse eigentlich immer Tenure Track gefordert wird. Es stimmt ja: es braucht "verlässliche" Möglichkeiten für den dauerhaften Verbleib in Lehre und Forschung. Es braucht dafür aber doch nicht notwendig den Verbleib an einer bestimmten Hochschule. Im Gegenteil: gerade die Post-Doc Zeit braucht nicht nur Möglichkeiten der fachlichen Entwicklung an einem bestimmten Ort, die sich durch Planbarkeiten realisieren lassen. Sie braucht Chancen, sich ohne strengen Ortsbezug wichtigen Themen zu widmen. Das kann in bestimmten Fällen bedeuten, oft den Arbeitszusammenhang zu wechseln, genauso wie es in anderen Fällen sinnvoll ist, an einem Ort zu bleiben. Tenure Track ist die rigide Verkopplung von inhaltlicher und institutioneller Karriere. Und die ist nicht immer sinnvoll. Wichtiger schiene mir, auf der Ebene unterhalb der Professur mehr personengebundene und inhaltliche Förderungen zu haben, die von Ort und Hochschule unabhängig sind. Das können Post-Doc Stipendien sein oder Drittmittelprogramme wie DFG "Eigene Stelle", die ERC Grants oder Heisenberg-, Schumpeter- und Emmy-Noether-Programme. Unterstützen könnten Hochschulen das mit befristeten Stellen, die die Beantragung erleichtern. Mit solchen Mitteln zur Finanzierung der eigenen Laufbahn können sowohl Ortsgebundene als auch Ortswechsler arbeiten. In Bezug auf die Daueraufgaben der Hochschulen müsste man sich vermutlich mal daran erinnern, dass im HRG die Unterscheidung der Personalkategorien an Aufgabenkategorien geknüpft sind. Lehre und Forschung: Hochschullehrer. Wissenschaftliche Dienstleistungen: wissenschaftliche Mitarbeiter. Praktische Fähigkeiten: LbA. Um welche Daueraufgaben geht es eigentlich? Geht es wirklich um wissenschaftliche Dienstleistungen oder um die Vermittlung praktischer Fähigkeiten? Dann braucht es sicher Dauerstellen außerhalb der Professur. Wenn es dabei aber um gut verbundene Lehre und Forschung geht, dann müssten eigentlich mehr Professuren geschaffen werden. Dealing with Mess (EASST 010)Morgen geht es nachts nach Trento zur EASST 010 (European Association for the Study of Science and Technology). Dort halte ich zwei Vorträge, einen allein im Track 2 "Design, Performativity, STS" und einen zusammen mit Nicholas J. Rowland (Penn State). Die Präsentation zum ersten Vortrag stelle ich hier schon ein. Marx, die Finanzkrise und David Harvey
Der New York Observer (ja, ich gebe zu, ich lese mehr "New York Media" seit ich vor zwei Wochen dort war) hat ein tolles David Harvey Feature. David Harvey ist Professor an der CUNY und Direktor des Center for Place, Culture and Politics. Sein "Close Reading of Karl Marx Capital, Volume 1" ist wirklich zu empfehlen.
httpv://www.youtube.com/watch?v=qOP2V_np2c0
Der animierte Film zu seiner RSA Rede "Crisis of Capitalism" ist zwar 11 Minuten lang, aber er ist so unglaublich gut, man wünschte sich, akademische Debatten wären immer gezeichnet. So ähnlich wie die GED Lectures mit Latour und Sloterdijk...
Glasperlen, Fischernetze und Erstaunensgeneratoren
Ich war in den letzten zwei Wochen viel unterwegs und entsprechend eingespannt. Ein Blog zu pflegen, ist da noch möglich, eine echte inhaltliche Weiterführung des Theorieverwendungs-Gedankens in schriftlicher Form eher nicht. Dennoch erlaubt das Herumreisen Überlegungen.
Mit Dank an den fragenden Christian zuerst ein Antwortversuch: Mir geht es gerade nicht darum, einzelne Autoren als rigide Architekten oder als flexible Bastler einzuordnen. Beide, Bourdieu und Luhmann, haben viel komplexere Ansätze, die eine solche einfache Einordnung verbieten. Bourdieu etwa hat das Habituskonzept - gerade auch in der Analyse des Bildungssystems und der akademischen Welt - an ein recht rigides Macht- und Klassenverständnis geknüpft und so seine Heuristik viel stabiler gemacht als nötig; Luhmanns Analyse der Ausdifferenzierung der Funktionssysteme oder die Arbeiten zum Wandel semantischer Formen im Nachgang der Katastrophe funktionaler Differenzierung hingegen sind zwar durch ein stabiles Vergleichsvokabular geordnet, ansonsten aber empirisch extrem offen.
Mir ging es eher um einen anderen Punkt: gerade diese beiden Autoren sind ein hervorragendes Beispiel genau dafür, dass sich die Arbeit an einer theoretischen Position gar nicht sinnvoll in rigide und flexible Vorgehensweisen einordnen lassen. Vermutlich ist diese feste Zuordnung eher ein Modus der Darstellung, Auseinandersetzung und Kritik. Will ich etwa Garfinkel kritisieren, dann sage ich: der hat ja gar kein Begriffsgebäude. Will ich Parsons kritisieren, kann ich sagen: was für ein hübsch polierter Setzkasten. Beides greift nicht wirklich. Theoriearbeit aber scheint mir dann besonders fruchtbar zu sein, wenn sie zu Heuristiken führt, manchmal auch zu Begriffen und Vokabularen, die Erstaunen generieren können, indem sie konstant dafür sorgen, dass man im empirischen Material nicht Bekanntes, sondern Fremdes entdeckt. Luhmann und Bourdieu waren darin gut, beide waren sich der Tatsache sehr bewusst, dass Theorien auch mal radikal umgebaut werden müssen, um das zu leisten - man denke an Luhmanns autopoietische Wende oder an Bourdieus Abkehr vom Strukturalismus.
Nimmt man die Idee von der Theorie als Erstaunensgenerator noch ernster, dann kann man zu dem Schluss kommen, dass man in dem Moment skeptisch werden muss, wenn Theorien zu stabil werden. Sie verlieren dann nämlich ihre Fähigkeit, Bekanntes fremd aussehen zu lassen und sie neigen dann dazu (vgl. dazu Peter Wagners "A History and Theory of the Social Sciences", Sage 2001) eine Gesellschaft mit zu produzieren, die sie verfremdend zu beschreiben suchten.
Zwei oder drei Arten, Theorie zu nutzen
Die beiden Theorieverständnisse, die Wacquant hier anführt, scheinen mir tatsächlich die häufig vorzufindenden zu sein - ich frage mich aber seit längerer Zeit schon, ob es nicht neben beiden auch noch ein drittes gibt. Das Glasperlenspiel und das Fischernetz als zwei Varianten der Theoriearbeit beruhen beide auf dem Prinzip der Bewährung: an der internen Kohärenz oder an der externen sozialen Realität. Wenn man aber die Performativität und Reflexivität soziologischen Wissens erst nimmt und mit Wagner, Callon und Luhmann das Arbeiten an der Theorie als (Mit-)Arbeiten an sozialer Realität begreift, dann greifen beide Verständnisse fehl. Vielleicht macht es Sinn, Theoriearbeit als Arbeit an kohärenten Heuristiken zu begreifen, die dazu geeignet sind, in der empirischen Arbeit Fremdheit zu produzieren: Theorie als Erstaunensgenerator - das wäre dann Theoriearbeit in einer ethnographischen Haltung. Erschienen: Die Infrastruktur der Blogosphäre.
In diesem Monat (als Print eigentlich schon im April) ist mein Papier zur Interobjektivität der Medien erschienen.Es ist der erste empirische Versuch, mit einer auf der ANT aufbauenden Perspektive Medientechniken zu beschreiben. Eine erweiterte (und um eine strengere theoretische Einbettung bemühte) Version ist in englischer Sprache im Review, nachdem ich sie letzten Herbst auf der 4s in Washington präsentiert habe.
Das, was wir heute „Social Software“ nennen, ist undenkbar ohne eine Technologie, mit der Inhalte von Rechner zu Rechner, von Server zu Server gebracht werden können, ohne immer gleich den ganzen Ballast der Informationen über ihre Darstellung mitzuschleppen. Eine der bekanntesten Anwendungen für diese Technologie der so genannten Syndikation sind sicherlich Weblogs. Vor allem auch der Umstand, dass zum Schreiben eines Blogeintrages eben gerade keine Kenntnisse darüber nötig sind, wie genau die jeweilige Blog-Plattform mit den Inhalten umgeht, um sie darzustellen, aber auch um sie mit anderen Weblogs zu verknüpfen, hat Blogs ihre Popularität beschert. Dennoch ist es gerade diese Infrastruktur, diese standardisierte Interobjektivitätsform, die es überhaupt ermöglicht, dass sich Blogschreiber auf das reibungslose Mitspielen ihrer Plattformen verlassen können. Weil ihnen Rechner das Aufbereiten, das Propagieren, das Verbreiten, das Verknüpfen und in Beziehung setzen ihrer Beiträge mit ganz anderen Beiträgen und auch mit ganz anderen Plattformen abnehmen, ist die Blogosphäre heute jenes verwobene Netz, dem wir es zutrauen, sogar für die Zukunft des Journalismus verantwortlich zu sein. Was aber genau jeder einzelne Mitspieler im Geflecht der Weblogs und Syndikationsflüsse machen darf und kann, welche Rolle Nutzer einnehmen kön- nen und welche Aufgaben ihnen abgenommen werden, ist auch heute noch nicht wirklich entschieden. Noch ist diese medientechnische Infrastruktur nicht stabi- lisiert, zumindest drei unterschiedliche Ansätze liegen aktuell vor: RSS 1.0, RSS 2.0 und Atom. Die meisten Blog-Plattformen verstehen zwar inzwischen die unterschiedlichen Formate und Standards, aber eigentlich in einer Variante der kleinsten Gemeinsamkeiten. In die unterschiedlichen Projekte der Einrichtung neuer interobjektiver Interaktionsvermeidung jenseits der massenmedialen Bedingungen sind völlig verschiedene Strukturen der Arbeitsteilung zwischen Menschen und Software eingeschrieben. Welche neuen Formen der Informations- und Redundanzversorgung der modernen Gesellschaft mit der so gerade im Aufbau befindlichen medientechnischen Infrastruktur verbunden sein werden, hängt zu einem großen Teil von der Kontroverse über die Projekte ihrer Einrichtung ab.PDF bei Springerlink (202,6 KB) |
|