Forschung

Aktuelle Projekte

Numerische Inklusion. Medien, Messungen und Gesellschaft

zusammen mit Tilmann Sutter und Josef Wehner
gefördert im DFG Schwerpunktprogramm 1505 "Mediatisierte Welten"

In dem Projekt wird untersucht, wie erstens im Bereich des Musikhörens Internetaktivitäten mit Hilfe quantifizierender Verfahren erfasst, klassifiziert und in Übersichten transformiert werden, wie sich zweitens daraus Eindrücke vom medialen Geschehen dem Einzelnen ver- mitteln und wie sich drittens zwischen Plattformbetreibern, Interpreten, Hörern bis hin zu Werbung und Musikindustrie wechselseitige Beobachtungen und Referier- und Adressierop- tionen eröffnen. Wer welche Musikangebote im Internet erhält, wer an welchen Hörerge- meinschaften partizipiert und wie sich Musikanbieter und -hörer aufeinander abstimmen, ist – so die zentrale These des Projekts – nicht nur Ergebnis gesteigerter Eingriffs- und Mitwir- kungsoptionen, sondern auch des mitlaufenden Vermessens und Vergleichens entsprechen- der Entscheidungen. Diese Verfahren und die darauf aufbauenden Beziehungen zwischen Anbietern und Teilnehmern sind nicht auf den Musikbereich beschränkt. Sie stehen vielmehr exemplarisch für den sich verstärkenden Trend, Teilnehmerperspektiven und -aktivitäten mit Hilfe quantifizierender Beobachtungsapparaturen in ein Verhältnis zu bringen. In dem Projekt werden erste Schritte unternommen, um über diese Zusammenhänge und damit über einen relevanten Prozess der Mediatisierung der Gesellschaft zu informieren.

Koordination von Innovation. Eine ethnographische Untersuchung zur Abstimmungspraxis in Infra-strukturprojekten im Bereich Informationstechnologie

Komplexe Infrastrukturen der Informationstechnologie gehören zu den entscheidenden Merkmalen moderner Gesellschaften: Unterschiedlichste Bereiche sind darauf angewiesen, dass sie zugleich aufrechterhalten und weiterentwickelt werden. Dazu existieren eine Reihe von Vorschlägen für technische Lösungen, über die Aspekte der Koordination und Kooperation, die solche Lösungen erst um-setzbar machen, ist wenig bekannt. Für den Erfolg von komplexen Entwicklungsvorhaben spielen diese Aspekte allerdings eine zentrale Rolle. Dieses Projekt untersucht daher in einer ethnographischen Studie, die zur Auswertung und Interpretation eine Kombination typisierender und sequenzanalytischer Verfahren nutzt, wie sich Beteiligte in komplexen Innovationsprozessen in Bezug auf Sachfragen, zeitliche Abläufe und Kooperationsprobleme abstimmen und auf welche Methoden sie dabei zurückgreifen. Dabei steht zunächst die Rekonstruktion der diskursiven Muster, habituellen Routinen und materialen Installationen im Mittelpunkt, mittels derer Abstimmungsprobleme jeweils situativ bewältigt werden. Daraufhin wird untersucht, welche praktisch relevanten Methoden auf der Basis dieser situativen Praxis hervorgebracht werden, um die zeitliche, soziale und sachliche Struktur von Innovationsprozessen zu beeinflussen. Schließlich wird das theoretische Konzept der „heterogenen Koordination“ eingeführt, dass bestehende Ansätze zur heterogenen Kooperation um eine Zeit- und Sachdimension ergänzt, und zur Grundlage einer Perspektive auf die Stabilisierung sozialer Prozesse in lokaler Praxis ausgearbeitet. 

Soziologie der Dinge

Buchprojekt in der Reihe UTB - Soziologie studieren

Obwohl Objekte, Dinge und Artefakte wichtige Rollen in allen Bereichen der modernen Gesellschaft spielen, hat sich die Soziologie mit einer systematischen Beschäftigung mit ihnen schwer getan. Man könnte annehmen, dass Hans Lindes fast 35 Jahre alte Klage noch nichts an ihrer Relevanz verloren hat, dass die Sachverhältnisse in der soziologischen Theorie keine Rolle spielen. Dass dem nicht so ist, macht ein Blick in die science studies und die Mediensoziologie, die Genderforschung oder die Konsumsoziologie sofort klar. Innerhalb diverser Spezialdiskurse sind gerade in den letzten 30 Jahren eine ganze Reihe von Ansätzen ausprobiert und ausformuliert worden, um moderne Objektverhältnisse beschreiben und verstehen zu können.

Dennoch fehlt es an einer systematischen Übersicht, die auch zu didaktischen Zwecken einsetzbar ist und die versucht, die unterschiedlichen Stränge sich stark unterscheidender Fachdiskurse zu bündeln und anschaulich aufzubereiten. Das geplante Lehrbuch „Soziologie der Objekte“ für die UTB Reihe „Soziologie studieren“ soll diese Lücke schließen.

„ELearning Plug-Ins.“ Rahmenszenarien und flexible Methoden für die geistes- und sozialwissenschaftliche Lehre

Gefördert aus Mitteln der Universität Bielefeld

Die heterogene Ausbildung in den verschiedenen Bachelorstudiengängen sowie die vielgliedrigen und mannigfaltigen Leistungsanforderungen der BA/MA Studiengänge sind nicht immer förderlich für die eigenständige Beschäftigung über die explizit im Seminar behandelten Themen hinaus. Dabei bietet die Heterogenität der Vorbildung auch eine große Chance, Studierenden dabei zu helfen, auch voneinander in Peer-Groups zu lernen. Dazu bieten neue Medientechniken wie Blogs, Wikis, Twitter und Social Software, sofern sie in innovative Lernformen eingebunden werden, eine ganze Reihe von Möglichkeiten, eine aktivierende Lernkultur zu fördern, die sowohl in den Präsenzveranstaltungen als auch online außerhalb der wöchentlichen Termine für die Vor- und Nachbereitung gerade unter den Bedingungen der BA/MA Welt auf eigenständiges und kooperatives Arbeiten setzt. Selbststudiums- und Präsenzelemente können mit ihnen stärker verbunden werden.

In einem mehrstufigen Verfahren werden Rahmenszenarien und Umsetzungsempfehlungen erarbeitet und Lehrenden zur Verfügung gestellt. Sie sollen modulare und kombiniert einsetzbare Modelle („Plug-Ins“) für den Einsatz für konkrete Lehr- und Lernprobleme in unterschiedlichsten Veranstaltungsformen sein. Bei den zu entwickelnden Modulen ist zentral, dass sie nicht von der Präsenzveranstaltung abgekoppelt die Studierenden in vereinzelte Heimarbeit vor dem eigenen Rechner nötigen, sondern umgekehrt die „Plug-Ins“ zu festen Bestandteilen auch der jeweiligen Veranstaltungen machten.

Abgeschlossene Projekte

Agency without Actors? Workshop mit Unterstützung der Deutsch-Französischen Hochschule
29.5.2009 zusammen mit Birgit Peuker (Dresden) und Florence Rudolf (Strasbourg)

In ganz unterschiedlichen Bereichen der Soziologie, insbesondere in der sozialwissenschaftlichen Technik- und Umweltforschung, ist in den letzten Jahrzehnten vermehrt die Frage nach den häufig kaum zu übersehenden Beiträgen von nicht-menschlichen Mitspielern auf. Maschinen, Apparaturen, Klimaveränderungen, Sturmfluten oder Seuchen stellten sich in einer ganzen Reihe von empirischen Studien gerade als diejenigen heraus, die jene Rollen übernahmen, die die verfügbaren soziologischen Theorieangebote bislang nur menschlichen Akteuren zugestanden haben. In diesem Zusammenhang sind eine ganze Reihe von Theorieangeboten formuliert worden. Sehr holzschnittartig, daher der Veranstaltungstitel "Handlung ohne Handelnde?", lassen sie sich bei allen Differenzen auf den gemeinsamen Nenner bringen, dass sie ein handlungstheoretisches Vokabular gerade ohne die Referenz auf einen der Handlung vorgängigen (menschlichen) Akteur reformulieren.

Von der Klasse zum Cluster? Zum Verhaltnis von Medien, Messungen und Sozialitat
Tagung am 30.1. - 31.1.2009, zusammen mit Josef Wehner

Die Einführung, Etablierung und teilbereichsspezifische Nutzung von spezifischen Kalkulationsverfahren, Zähltechniken und statistischen Auswertungsformen war von jeher eine entscheidende Komponente der Ausbildung moderner Gesellschaft gewesen. Zunächst waren es Formen der Messung und Verrechnung von Bürgern, Konsumenten oder Zuschauern, die unter der Bedingung massenmedialer Informations- und Redundanzverarbeitung besondere Zentralität erlangt haben: nämlich Häufigkeiten, Durchschnitte, Abweichungsmaße – Verteilungsmaße also, die auf massenhafte Vollerfassung bei weitgehend akzeptierten Informationsverlusten abzielen. Es ging darum zu erfahren, was die Mehrheit der Bürger meint, was möglichst viele Konsumenten kaufen und was möglichst viele Zuschauer sehen wollen. Unter Internetbedingungen sind es nicht mehr nur Top-Listen, Durchschnittsnutzungen und Häufigkeitsmaße, die beständig berechnet werden, sondern auch in Echtzeit aktualisierte Ähnlichkeitsmaße zwischen unterschiedlichsten Merkmalen, die wiederum zu komplexen Clusterungen und Profilbildungen führen. Die Tagung soll dazu beitragen, den quantitativen wie qualitativen Wandel der Vermessung und Klassifizierung der Mediennutzer zu erfassen.